Das Verkehrslexikon



OVG Münster v. 07.12.2005: Anforderungen an die Regelung der jeweiligen Verkehrssituation


Das Oberverwaltungsgericht Münster (Beschluss vom 07.12.2005 - 5 A 5109/04) hat entschieden:

   Die zuständige Behörde ist von Rechts wegen gehalten, die jeweilige Verkehrssituation durch entsprechende Beschilderung so zu regeln, dass jedem Verkehrsteilnehmer bei Aufbringung der gebotenen Sorgfalt das geforderte oder verbotene Verhalten erkennbar ist. Will die Behörde wegen eines lokalen Ereignisses - wie hier eines Karnevalsumzuges - die Verkehrssituation vorübergehend abweichend von den ansonsten maßgeblichen Vorgaben mit Hilfe von mobilen Verkehrsschildern regeln, so muss aus der Beschilderung klar ersichtlich sein, ob und inwieweit die Regelungen der fest installierten Verkehrszeichen fortgelten bzw. vorübergehend außer Kraft gesetzt sind.




Siehe auch
Karnevalsumzug und Verkehrsrecht
und
Straßenverkehrsrechtliche Anordnungen


Gründe:


Der Antrag des Beklagten auf Zulassung der Berufung ist unbegründet. Ernstliche Zweifel an der Richtigkeit der angegriffenen Entscheidung (§ 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) bestehen nicht. Das Verwaltungsgericht hat der Klage zu Recht stattgegeben. Der angefochtene Gebührenbescheid war rechtswidrig. Das Kraftfahrzeug des Klägers ist zu Unrecht abgeschleppt worden. Ungeachtet der Frage, ob der Kläger die in der Straße "I. Q. " aufgestellten mobilen Haltverbotsschilder zur Kenntnis genommen hat oder bei Aufbringung der im Verkehr gebotenen Sorgfalt hätte wahrnehmen können,
   vgl. zu den niedrigeren Anforderungen an die Sichtbarkeit von Verkehrszeichen, die den ruhenden Verkehr betreffen OVG NRW, Beschluss vom 11. Juni 1997 - 5 A 4278/95 -, NWVBl. 1997, 434,

war deren Geltung durch das Schild, vor dem der Kläger unmittelbar geparkt hat und das ausdrücklich das Parken (werktags zwischen 9.00 - 23.00 Uhr nur mit Parkschein) gestattete, begrenzt. Die zuständige Behörde ist von Rechts wegen gehalten, die jeweilige Verkehrssituation durch entsprechende Beschilderung so zu regeln, dass jedem Verkehrsteilnehmer bei Aufbringung der gebotenen Sorgfalt das geforderte oder verbotene Verhalten erkennbar ist. Will die Behörde wegen eines lokalen Ereignisses - wie hier eines Karnevalsumzuges - die Verkehrssituation vorübergehend abweichend von den ansonsten maßgeblichen Vorgaben mit Hilfe von mobilen Verkehrsschildern regeln, so muss aus der Beschilderung klar ersichtlich sein, ob und inwieweit die Regelungen der fest installierten Verkehrszeichen fortgelten bzw. vorübergehend außer Kraft gesetzt sind. Dies ist zwar mit einem nicht geringfügigem Mehraufwand für die zuständige Behörde verbunden. Aus rechtsstaatlichen Gründen kann aber auf eine solche Klarstellung der jeweils maßgeblichen Verkehrssituation nicht verzichtet werden. Der Beklagte ist diesen Anforderungen nicht gerecht geworden. Für den Kläger war nicht erkennbar, dass die mobilen Haltverbotsschilder auch das nächst gelegene, Parken ausdrücklich gestattende Verkehrszeichen vorübergehend außer Kraft setzen sollten.




Der Rechtssache kommt auch die geltend gemachte grundsätzliche Bedeutung (§ 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO) nicht zu. Die in der Antragsschrift aufgeworfenen Fragen,

   "welche konkreten Anforderungen an eine wirksame Bekanntgabe von Sonderhalteverbotzonen zu stellen sind",

und

"ob grundsätzlich anders lautende Schilder und Parkautomaten abgedeckt und/oder mit entsprechenden Hinweisen versehen werden müssen",



rechtfertigen nicht die Zulassung der Berufung. Sie lassen sich bereits auf der Grundlage der bisherigen Rechtsprechung des beschließenden Gerichts beantworten. Danach folgt aus dem Rechtsstaatsprinzip das straßenverkehrsrechtliche Ge- und Verbote so angebracht sein müssen, dass der sorgfältig handelnde, dem Gebot des § 1 StVO folgende Verkehrsteilnehmer die Anordnung ohne weitere Überlegung eindeutig erfassen kann.

   Vgl. OVG NRW, Urteil vom 15. Mai 1990 - 5 A 1678/89 -, DÖV 1991, 120 f.; Beschluss vom 25. November 2004 - 5 A 850/03 -, NWVBl. 2005, 176 f. (= NJW 2005, 1142 f.).

Hieraus ergibt sich unmittelbar, dass die zuständige Behörde im Falle einer zeitlich befristeten Einführung oder Ausdehnung eines Haltverbots die vorübergehende Außerkraftsetzung einer entgegen stehenden Dauerbeschilderung für den Verkehrsteilnehmer durch entsprechende Hinweise deutlich erkennbar machen muss, sodass dieser über die jeweils geltende Rechtslage nicht im Ungewissen bleibt. Solche Hinweise sind auch nicht deshalb entbehrlich, weil eine mobile Beschilderung ohne weiteres Geltungsvorrang vor einer Dauerbeschilderung hätte. Einen dahin gehenden Rechtssatz gibt es nicht.




Die Verfahrensrüge (§ 124 Abs. 2 Nr. 5 VwGO) greift ebenfalls nicht durch. Die angegriffene Entscheidung beruht nicht auf einer fehlerhaften Sachverhaltsfeststellung.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO.

Die Streitwertfestsetzung beruht auf §§ 47 Abs. 1 und 3, 52 Abs. 1 und 3 GKG.

Dieser Beschluss ist unanfechtbar (§ 152 Abs. 1 VwGO, § 68 Abs. 1 Satz 5 i.V.m. § 66 Abs. 3 Satz 3 GKG).

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