Das Verkehrslexikon
Halswirbelschleudertrauma - degenerative Vorschäden
Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass sog. degenerativer Wirbelsäulenveränderungen eine zivilisationsbedingte moderne "Volkskrankheit" sind. Solche Veränderungen können auch dann in beträchtlichem Ausmaß vorliegen, wenn der Betroffene von ihnen noch gar nicht unmittelbar etwas bemerkt, also bis zu einem traumatisierenden Ereignis (beispielsweise einem Verkehrsunfall) völlig schmerzfrei ist.
Liegen derartiger Vorschäden (manche sprechen auch von einer Vorerkrankung) vor, dann muss einerseits vermieden werden, dass dem Geschädigten ein gerechter an seinem individuellen Leiden orientierter Schadensausgleich verweigert wird; andererseits spielt aber auch der Gedanke eine Rolle, den Geschädigten nicht mit Schadensfolgen zu belasten, die bei einem nur leichten Schadensereignis weit jenseits aller vernünftigen Schadenserwartung liegen. Aus diesen widerstreitenden Prinzipien haben sich in der Rechtsprechung außerordentlich unterschiedliche Betrachtungsweisen hinsichtlich der Berücksichtigung derartiger Vorschäden ergeben.
Gliederung:
Allgemeines:
Der medizinische Hintergrund bei HWS-Schleuderverletzungen und bereits vorliegenden degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule
Das Problem des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und HWS-Beschwerden beim Vorhandensein degenerativer Verschleißschäden
Zum Problem der haftungsausfüllenden Kausalität bei Halswirbelschleudersyndromen und degenerativen Vorschäden
BGH VersR 1969, 43:
Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule hindern nicht, einen adäquaten Zusammenhang zwischen einem Unfall und einem HWS-Syndrom anzunehmen.
OLG Frankfurt am Main v. 16.12.1992:
Bei der Möglichkeit, dass HWS-Beschwerden durch einen Unfall, aber auch durch degenerative Vorschäden verursacht worden sein können setzt die Haftung des Unfallgegners voraus, dass der Kl. den Nachweis der Ursächlichkeit des Unfalls für das gesamte weitere Beschwerdebild führt.
OLG München v. 04.03.1993:
HWS-Verschleißerscheinungen hindern nicht die Annahme eines adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und HWS-Beschwerden.
OLG Hamm v. 09.09.1993:
Steht fest, daß der Geschädigte ein HWS-Schleudertrauma erlitten hat, ist die Frage, ob dieses zu einem Dauerschaden geführt hat, im Haftpflichtrecht nach § 287 ZPO zu beurteilen; es genügt hinreichende Wahrscheinlichkeit. Die Beweiserleichterungen des § 287 ZPO dürfen dem Geschädigten nicht dadurch genommen werden, daß im Rahmen der Beweiserhebung medizinische Sachverständige einen strengeren Beweismaßstab anlegen; eine Wahrscheinlichkeit, die auch medizinisch-wisssenschaftlichen Kriterien standhält, ist nicht Voraussetzung für den Nachweis der haftungsausfüllenden Kausalität.
OLG Hamm v. 18.10.1994 u. v. 21.10.1994:
Kommen Unfallverletzungen und vorhandene Wirbelsäulenvorschädigungen gleichermaßen als Ursache von HWS-Beschwerden in Betracht, ist der Geschädigte hinsichtlich der Verursachung beweisfällig.
KG Berlin v. 04.09.2006:
Eine Steilstellung der Halswirbelsäule stellt keinen objektiven Hinweis auf eine unfallbedingte HWS-Verletzung dar, da eine solche nach dem heutigen Stand der Wissenschaft bei ca. 42 % der Normalbevölkerung festzustellen ist. Auch eine Kollisionsdifferenzgeschwindigkeit von 3 bis maximal 4,5 km/h ist auch unter Berücksichtigung einer etwaigen geneigten Körperhaltung und einer Kopfdrehung im Moment des Aufpralls nicht geeignet, eine Halswirbelsäulendistorsion hervorzurufen. Eine Vorschädigung kann auch zu einer erhöhten Anfälligkeit der Halswirbelsäule auf von außen einwirkende Faktoren führen, der wissenschaftliche Beweis für diese Argumentation ist bisher jedoch nicht erbracht.
LG Ravensburg v. 16.08.2013:
Den Geschädigten trifft die Beweislast (Strengbeweis nach § 286 ZPO) dafür, dass er bei einem Verkehrsunfall Verletzungen erlitten hat (so genannte Primärverletzungen). Erst im Rahmen der so genannten Sekundärverletzungen kommt dem Anspruchsteller die Beweiserleichterung nach § 287 ZPO dergestalt zugute, dass bereits der Nachweis der überwiegenden Wahrscheinlichkeit der Unfallbedingtheit der Sekundärfolgen für die Beweiswürdigung im Rahmen der richterlichen Überzeugungsbildung ausreichend sein kann.
KG Berlin v. 26.03.2015:
Führt ein Verkehrsunfall bei einer vorbestehenden Schadensanfälligkeit wegen ein Os Odontoideum zu einer Instabilität der Halswirbelsäule, die durch das dauerhafte Einsetzen einer Platte operativ behandelt werden muss, kann bei einem zum Unfallzeitpunkt 28jährigen Mann ein Schmerzensgeld von 30.000 EUR gerechtfertigt sein, wenn eine Nachfolgeoperation wegen eines Plattenbruchs erforderlich war und eine Einschränkung der Erwerbsfähigkeit von 20% bei einer weitergehenden Einschränkung der Lebensqualität gegeben ist.
OLG Hamm v. 13.04.2018::
Wenn die Gesundheitsbeeinträchtigungen Auswirkungen einer Schadensanfälligkeit sind, kann es geboten sein, in die Billigkeitsentscheidung miteinzubeziehen, inwieweit die körperlichen Beschwerden des Verletzten einerseits durch den Unfall und andererseits durch die vorher vorhandene krankhafte Anlage verursacht wurden.
- nach oben -
Vorhandene Arthrose:
AG Neunkirchen v. 21.11.2003:
Ein seitlicher Anstoß mit nur geringer Geschwindigkeitsänderung ist geeignet, bei einem an Arthrose leidenden Geschädigten ein Aufleben alter Symptome als unmittelbare zurechenbare Unfallfolge auszulösen.
Landgericht Nürnberg-Fürth v. 23.12.2022:
Schmerzensgeld bei Aktivierung eines latenten Bandscheibenvorfalls durch Schleudertrauma und Berücksichtigung von Vorschädigung
Amtsgericht Euskirchen v. 11.01.2022:
Schmerzensgeld bei HWS-Distorsion 1. Grades nach Verkehrsunfall; fehlender Nachweis schwererer Verletzungen und vorbestehender Degeneration.
Amtsgericht Essen v. 01.03.2016:
Zum Beweis der unfallbedingten HWS-Distorsion bei geringer Kollisionsgeschwindigkeit und Vorerkrankungen
OLG Hamm v. 10.06.2016:
Zur Kausalität von Verkehrsunfall und schweren Schulterverletzungen bei geringer kollisionsbedingter Geschwindigkeitsänderung
OLG Hamm v. 13.04.2018:
Zur Bemessung des Schmerzensgeldes bei Vorschädigung und Schadensanfälligkeit
OLG München v. 13.07.2023:
Zur Kausalität von schweren Gesundheitsschäden nach Auffahrunfall und Beweiswürdigung von Gutachten
Amtsgericht Augsburg v. 09.09.2022:
Kausalität einer HWS-Distorsion bei mehrfachem Auffahrunfall trotz geringer Kollisionsgeschwindigkeit
Landgericht Bielefeld v. 03.02.2021:
Zur Kausalität einer HWS-Distorsion bei Auffahrunfall mit geringer Kollisionsgeschwindigkeit und Beweislast
OLG Köln v. 01.10.2020:
Zur Darlegungs- und Beweislast des Geschädigten bei Vorschäden und deren Abgrenzung
Amtsgericht Bielefeld v. 29.06.2020:
Beweislast für HWS-Distorsion bei Auffahrunfall unterhalb der Harmlosigkeitsgrenze
OLG Düsseldorf v. 23.10.2018:
Zur Haftung bei Rotlichtverstoß und Schmerzensgeldbemessung nach Verkehrsunfall mit HWS-Distorsion und Tinnitus
Amtsgericht Euskirchen v. 07.04.2017:
Keine Schmerzensgeldansprüche bei fehlendem Kausalitätsnachweis für HWS-Verletzung nach Auffahrunfall mit geringer Differenzgeschwindigkeit
OLG Hamm v. 29.03.2017:
Anforderungen an den Nachweis der Kausalität von Langzeitschäden nach Auffahrunfall bei Vorschäden
Landgericht Münster v. 20.07.2018:
Zum Beweis einer unfallbedingten Primärverletzung der Halswirbelsäule bei geringer kollisionsbedingter Geschwindigkeitsänderung
OLG Hamm v. 29.11.2016:
Zur haftungsausfüllenden Kausalität und dem Beweismaßstab des § 287 ZPO bei Spätfolgen eines Verkehrsunfalls
OLG Düsseldorf v. 15.09.2016:
Nachweis von unfallbedingten Heilbehandlungskosten und Ersatzkraftkosten nach HWS-Distorsion
Landgericht Bielefeld v. 28.11.2017:
Kausalität von HWS-Distorsion und fehlende Kausalität von Vorhofflimmern/Schlaganfall nach Verkehrsunfall; Schmerzensgeldbemessung
Landgericht Aachen v. 22.03.2017:
Zur Haftung bei Auffahrunfall und Kausalität eines HWS-Schleudertraumas bei Überschreiten der Harmlosigkeitsgrenze
Landgericht Essen v. 26.06.2013:
Zur Kausalität von Verletzungen nach Verkehrsunfall bei Vorschäden und Bagatellunfall
Amtsgericht Dortmund v. 08.05.2013:
Nutzungsausfall bei verkehrssicherem Fahrzeug und fehlendem Nutzungswillen; Schmerzensgeld bei vorbestehenden degenerativen Veränderungen
Landgericht Dortmund v. 14.10.2011:
HWS-Zerrung bei Vorschädigung, verzögerter Heilungsverlauf und psychische Erkrankung nach Verkehrsunfall
Landgericht Duisburg v. 21.03.2011:
Zur Kausalität eines Bandscheibenvorfalls nach Verkehrsunfall bei vorbestehenden degenerativen Veränderungen
OLG Düsseldorf v. 15.03.2011:
Zur Kausalität von HWS-Distorsion und weiteren Verletzungen bei Vorschäden; Anforderungen an die Beweiswürdigung ärztlicher Atteste
Amtsgericht Siegburg v. 24.01.2011:
Zum Beweis einer HWS-Verletzung bei Auffahrunfall mit geringer Geschwindigkeitsänderung unter 10 km/h
OLG Düsseldorf v. 21.12.2010:
Zur Kausalität einer HWS-Distorsion nach Auffahrunfall trotz geringer kollisionsbedingter Geschwindigkeitsänderung und degenerativer Vorschäden
Landgericht Köln v. 28.07.2010:
Zur Vorschusspflicht bei Sachverständigengutachten im Zivilverfahren und zur Kausalität einer HWS-Distorsion nach Verkehrsunfall
OLG Düsseldorf v. 22.09.2009:
Zur Kausalität eines HWS-Schleudertraumas und doppelten Bandscheibenvorfalls bei geringfügigem Heckaufprall und Vorschäden
OLG Düsseldorf v. 30.06.2009:
HWS-Distorsion nach Auffahrunfall: Schmerzensgeld und Heilbehandlungskosten bei Überlagerung durch degenerative Vorschäden
OLG Düsseldorf v. 02.03.2009:
HWS-Schleudertrauma und Erwerbsschaden nach Verkehrsunfall: Berücksichtigung von Vorschäden
Landgericht Dortmund v. 21.11.2008:
Leichter Streifunfall: Keine Verursachung oder Verschlimmerung vorbestehender Wirbelsäulenschäden
Landgericht Köln v. 16.02.2007:
Zur Schmerzensgeldbemessung nach Verkehrsunfall: Abgrenzung unfallbedingter Verletzungen von degenerativen Veränderungen und nicht erforderlichen Operationen.
Landgericht Düsseldorf v. 01.02.2007:
Kausalität einer HWS-Distorsion nach Verkehrsunfall bei verspäteter ärztlicher Konsultation
OLG Düsseldorf v. 01.04.2014:
Degenerative Vorschäden (HWS)
OLG Koblenz v. 11.04.2008:
Degenerative Vorschäden (HWS)
OLG Koblenz v. 27.09.2004:
Geschwindigkeitsänderung
OLG Düsseldorf v. 29.03.2004:
Harmlosigkeitsgrenze
Verwaltungsgericht Düsseldorf v. 08.05.2003:
HWS-Syndrom
OLG Hamm v. 01.08.2002:
Geschwindigkeitsänderung
LSG München v. 11.12.2025:
Zur Anerkennung von Wirbelsäulen- und Handbeschwerden als Unfallfolgen nach LKW-Unfall
- nach oben -