Das Verkehrslexikon

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Schleudertrauma und Sachverständigengutachten


Zur Bedeutung der verschiedenen Möglichkeiten einer Sachverständigenbeurteilung bei der Entstehung eines unfallbedingten Schleudertraumas führt das OLG München (Urteil vom 15.07.2016 - 10 U 4590/15)aus:

   1.) Die unfallanalytische Untersuchung bestimmt zunächst aufgrund von Brems- und Kontaktspuren, Beschädigungsbildern der Fahrzeuge sowie anhand von Reparaturrechnungen, wieviel Energie in Deformationsarbeit umgewandelt wurde, wobei auch das Gewicht der jeweils beteiligten Fahrzeuge zu berücksichtigen ist. Mittels physikalischer Gesetze lassen sich damit die erforderlichen Daten (bei Auffahrunfällen vor allem die Kollisionsgeschwindigkeit sowie die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung [Δv]) rekonstruieren. Zur Überprüfung der so berechneten Werte liegen inzwischen einige hundert Bilder von Crashversuchen vor, in denen die relevanten Daten mittels Präzisionsmesstechnik erfasst und dokumentiert wurden. Die berechneten und validierten Daten werden als Spanne (Minimal- und Maximalwert) angegeben, um einen realistischen Toleranzbereich zu schaffen. Darüber hinaus kann die mittlere Beschleunigung errechnet werden, die auf das Fahrzeug eingewirkt hat. Der Unfallanalytiker beschreibt also Belastungen und Bewegungen von Fahrzeugen, teilweise auch Bewegungen von Personen in den Fahrzeugen (Walz/Muser, Bemessung der Verletzungsschwelle der HWS bei Heckkollisionen, Zürich 1999, S. 2).

Die biomechanische Begutachtung bestimmt die Belastung, der der Betroffene ausgesetzt war (Senat, Urt. v. 28.07.2006 – 10 U 1684/06 [Juris];Walz/Muser a.a.O.; Becke/Castro/Hein/Schimmelpfennig NZV 2000, 225 [226, 235]). Sie berücksichtigt über die Unfalldaten hinaus die konstitutionellen und medizinischen Besonderheiten der betroffenen Person im Einzelfall. Hilfsmittel zur fallbezogenen biomechanischen Beurteilung sind u.a. Resultate aus Freiwilligenversuchen, biomechanische Belastungsstudien, epidemiologische Unfallstatistiken und allgemeine biomechanische Grundsätze (Walz/Muser a.a.O.; Schnider et al., Beschwerdebild nach kraniozervikalem Beschleunigungstrauma [«whiplash-​associated disorder»], in: Schweizerische Ärztezeitung 81 [2000] 2218 [2220 sub 9]). Aus der Entscheidung des BGH, dass der medizinische Sachverständige sich alleine auf die Feststellungen der erstbehandelnden Ärzte stützen kann (BGH VersR 2003, 474 = NJW 2003, 1116 = DAR 2003, 217), folgt nicht, dass biomechanische Gutachten verzichtbar sind. Die biomechanische Beurteilung baut die Brücke zwischen den vom Unfallanalytiker berechneten Fahrzeugwerten und der medizinischen Begutachtung, die die ärztlich dokumentierten subjektiven Beschwerden und objektiven Befunde (klinische und bildgebende Untersuchungen usw.) zum Gegenstand hat (Senat, Urt. v. 28.07.2006 – 10 U 1684/06 [Juris]; Walz/Muser a.a.O.). Der medizinischen Begutachtung kommt rechtlich die sachverständige Letztentscheidung zu (BGH VersR 2003, 474 = NJW 2003, 1116 = DAR 2003, 217, wonach eine ordnungsgemäß medizinisch festgestellte HWS-​Beeinträchtigung nicht durch ein biomechanisches Gutachten widerlegt werden kann; ausdrücklich nun BGH VersR 2008, 1126 und 1133; KG VersR 2006, 1233 f.; ferner NZV 1993, 346 unter II 3 zur Notwendigkeit eines orthopädischen Sachverständigengutachtens bei widersprüchlichen Privatgutachten; vgl. aus medizinischer Sicht Schnider et al., a.a.O.).

Vorliegend kam es zu einer erheblichen Beschädigung des schweren Pkws, es kommt ein Anstoß schräg von vorne in Betracht. Die schiefwinklige Kollision verursacht besonders schwere Verletzungen, vgl. eingehend Elbel, Kollisionsdynamik der beteiligten Fahrzeuge als Kausalitätskriterium für Beschleunigungsverletzungen der Halswirbelsäule, Diss. Ulm 2007, S. 46 unter 4.4.3.

Die erforderlichen Gutachten wurden trotz Antrags beider Parteien (Bl. 28, 41, 33 d.A.) nicht erholt.


Das Übergehen von Beweisanträgen auf Einholung unfallanalytischer oder biomechanischer Sachverständigengutachten zur Beurteilung der Entstehung von Schleudersyndromen kann den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzen.




Gliederung:


- Allgemeines




Allgemeines:


    HWS - Halswirbelschleudertrauma - Lendenwirbelschleudertrauma - unfallbedingte Wirbelsäulenverletzungen

    Der Sachverständigenbeweis im Zivilverfahren

    Unfallanalyse - unfallanalytisches Sachverständigengutachten

    Rechtliches Gehör

    OLG München v. 23.10.2015:
    Trägt der Unfallverletzte nach einer Fahrzeugkollision Beschwerden vor, die durch die hohe Beschleunigung, die sein Körper beim Unfall ausgesetzt war, verursacht worden sein sollen, ist eine unfallanalytisch - verletzungsmechanisch - medizinische Begutachtung erforderlich. - Das biomechanische Gutachten ist durch einen für Verletzungsmechanik öffentlich bestellten und allgemein beeidigten Sachverständigen zu erstatten. - Hinsichtlich der einzuholenden medizinischen Sachverständigengutachten ist darauf zu achten, dass der Sachverständige, der das Gesamtgutachten zu erstellen hat, jedenfalls die Fachkompetenz in einem der betroffenen Fachgebiete haben sollte, sodass ohne weiteres vorstellbar wäre, dass ein Orthopäde oder Unfallchirurg als Hauptgutachter neben ggfs. erforderlichen Zusatzgutachtern beauftragt wird.

    LG Nürnberg-Fürth v. 27.11.2015:
    Die Einholung eines medizinischen Sachverständigengutachtens ist ausnahmsweise nicht geboten, wenn das Attest des behandelnden Arztes keinerlei verwertbare Anknüpfungstatsachen enthält und sich in der Feststellung „Diagnose: HWS-Distorsion“ erschöpft.

    OLG München v. 08.07.2016:
    In Fällen leichtester Verletzungen, bei denen schon vom Vortrag des Verletzten her feststeht, dass die Schmerzen schnell abgeklungen, die Verletzungen kurz nach dem Unfall ausgeheilt und die Beeinträchtigungen unzweifelhaft nicht objektivierbar sind, wie bei den hier vorliegenden leichten Prellungen, lässt die Erholung von unfallanalytischen, biomechanischen wie medizinischen Gutachten keine Sachaufklärung erwarten. Zum Nachweis der behaupteten Beschwerden seitens des Geschädigten sind diese Beweismittel in den genannten Fällen regelmäßig untauglich. Die in diesem Fall einzig erfolgversprechende Sachaufklärung kann daher nur vom damals behandelnden Arzt erfolgen. Dieser ist als sachverständiger Zeuge zu vernehmen.

    OLG München v. 15.07.2016:
    Die unfallanalytische Untersuchung bestimmt zunächst aufgrund von Brems- und Kontaktspuren, Beschädigungsbildern der Fahrzeuge sowie anhand von Reparaturrechnungen, wieviel Energie in Deformationsarbeit umgewandelt wurde, wobei auch das Gewicht der jeweils beteiligten Fahrzeuge zu berücksichtigen ist. Mittels physikalischer Gesetze lassen sich damit die erforderlichen Daten (bei Auffahrunfällen vor allem die Kollisionsgeschwindigkeit sowie die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung) rekonstruieren. - Die biomechanische Begutachtung bestimmt die Belastung, der der Betroffene ausgesetzt war. Sie berücksichtigt über die Unfalldaten hinaus die konstitutionellen und medizinischen Besonderheiten der betroffenen Person im Einzelfall. Hilfsmittel zur fallbezogenen biomechanischen Beurteilung sind u.a. Resultate aus Freiwilligenversuchen, biomechanische Belastungsstudien, epidemiologische Unfallstatistiken und allgemeine biomechanische Grundsätze.

    OLG München v. 13.07.2023:
    Zur Kausalität von schweren Gesundheitsschäden nach Auffahrunfall und Beweiswürdigung von Gutachten

    Amtsgericht Augsburg v. 09.09.2022:
    Kausalität einer HWS-Distorsion bei mehrfachem Auffahrunfall trotz geringer Kollisionsgeschwindigkeit

    OLG München v. 21.07.2021:
    Zur Beweiswürdigung von Verletzungsfolgen nach Auffahrunfall und Bemessung des Schmerzensgeldes

    OLG Hamm v. 03.11.2020:
    Beweiswert eines Sachverständigengutachtens und Notwendigkeit eines psychosomatischen Gutachtens bei Unfallverletzungen

    OLG München v. 10.11.2021:
    Zum Beweismaß für unfallbedingte Primärverletzungen und Arbeitsunfähigkeit bei Entgeltfortzahlungsansprüchen des Arbeitgebers

    OLG Hamm v. 29.10.2019:
    HWS-Verletzung: Technisches Gutachten zur Beschleunigung unerlässlich für medizinische Beurteilung

    OLG Hamm v. 20.10.2016:
    Anforderungen an den Nachweis einer Primärverletzung der HWS nach Verkehrsunfall und die Beweiswürdigung medizinischer Gutachten

    OLG Düsseldorf v. 15.09.2016:
    Nachweis von unfallbedingten Heilbehandlungskosten und Ersatzkraftkosten nach HWS-Distorsion

    OLG Hamm v. 10.06.2016:
    Zur Kausalität von Verkehrsunfall und schweren Schulterverletzungen bei geringer kollisionsbedingter Geschwindigkeitsänderung

    Amtsgericht Bielefeld v. 29.06.2020:
    Beweislast für HWS-Distorsion bei Auffahrunfall unterhalb der Harmlosigkeitsgrenze

    Landgericht Münster v. 13.11.2017:
    Zum Nachweis der Unfallkausalität von Schädelhirntrauma, epileptischen Anfällen und Meniskusriss bei vorbestehender Erkrankung

    Amtsgericht Freising v. 29.05.2024:
    Zur fehlenden Überzeugung von der Unfallbedingtheit von Verletzungen bei geringfügiger Kollision und fehlenden zeitnahen objektivierbaren Befunden

    OLG München v. 02.06.2021:
    Verkehrsunfall bei Aquaplaning und Spurrillen: Bemessung von Schmerzensgeld und Haftungsquote

    OLG München v. 24.03.2021:
    Zur teilweisen Haftung bei Verkehrsunfallschäden trotz teilweiser Inkompatibilität; Erstattungsfähigkeit von Sachverständigenkosten

    Amtsgericht Paderborn v. 19.09.2017:
    Zur Kausalität von Schulterverletzungen (Eckgelenksprengung, Impingement-Syndrom) nach Auffahrunfall

    Landgericht Dortmund v. 09.08.2018:
    Beweislast für Zahnschäden nach Verkehrsunfall bei angeschnalltem Fahrer und Vorerkrankungen

    OLG Düsseldorf v. 19.05.2015:
    Zur Kausalität von Beschwerden nach Verkehrsunfall und Ersatz von Verdienstausfall sowie zukünftigen Schäden

    Landgericht Essen v. 04.03.2014:
    Plausibilität von HWS-Distorsion und Schulterverletzung bei geringer Geschwindigkeitsänderung nach Auffahrunfall

    OLG Köln v. 14.03.2013:
    Zur Kausalität schwerer Verletzungen bei geringer kollisionsbedingter Geschwindigkeitsänderung und Beweiswürdigung

    Verwaltungsgericht Düsseldorf v. 07.05.2012:
    Rücknahme von Unfallruhegehalt: Bindungswirkung von Vorentscheidungen, Anforderungen an Sachverständigengutachten und Harmlosigkeitsgrenze

    OLG Düsseldorf v. 30.11.2010:
    Zum Beweismaß bei unfallbedingten Verletzungen und HWS-Distorsion nach geringer Kollisionsgeschwindigkeit

    BVerwG v. 03.02.2010:
    Zur Kausalität von Verkehrsunfall und Dienstunfähigkeit; Verwertung von Sachverständigengutachten zur Harmlosigkeitsgrenze

    OLG Karlsruhe v. 16.07.2004:
    Halswirbel-Schleudertrauma

    OLG Hamm v. 01.08.2002:
    Geschwindigkeitsänderung

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